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MdB Norbert Müller: Das Wechselmodell – Kindeswohl an zweiter Stelle

Die Beziehung kriselt, es kommt zur Scheidung und als Nächstes zum Streit über das Sorgerecht. Das betrifft zwar nur eine kleine Zahl von Fällen, aber gerade dann ist die Situation für die Kinder oft besonders belastend. Daher gilt in solchen Fällen bisher auch der Vorrang des Wohls des Kindes vor den Interessen der Eltern. Die FDP strebt hier nun einen Paradigmenwechsel an. Wenn die Eltern bei den Fragen, wer sich wie oft, wie lange und wo um das Kind kümmert nicht einigen können und es vor Gericht geht, will sie das Wechselmodell als Standard festschreiben.

 

Die grundlegende Idee des Modells ist simpel: Die Eltern betreuen das Kind etwa zeitlich gleichwertig. Beide Elternteile bieten dem Kind ein Zuhause, in dem es sich abwechselnd aufhält. Laut Befürwortern geht es beim Wechselmodell um das Beste für das Kind. Ihre Argumentation: Mit beiden Eltern aufzuwachsen stehe im Interesse des Kindes höher als beispielsweise die Kontinuität des sozialen Umfeldes. Genau das ist aber stark zu bezweifeln.

 

Es ist grundsätzlich sehr zu begrüßen, dass sich veraltete Rollenbilder in der Gesellschaft verändert haben. Im Trennungsfall erwarten Mütter mehr Unterstützung als eine monatliche Überweisung und Väter wollen nicht nur die Rolle des Besuchervaters zugewiesen bekommen. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Betreuungsmodellen, zwischen denen sich Eltern entscheiden können. Aber hier ist der Knackpunkt: Ein Modell und gerade dieses Modell funktioniert nicht in allen Fällen. Der Erfolg des Wechselmodells ist besonders stark von der Kommunikation und Kooperation der Eltern abhängig. Doch will die FDP das Wechselmodell genau für diese wenigen Fälle zur Regel machen, in denen eine Einigung nicht ohne gerichtliche Hilfe getroffen werden konnte. Das beträfe also die Fälle, in denen es um konflikthafte Situationen, teilweise auch im Zusammenspiel mit häuslicher Gewalt geht und eine fehlende oder unzureichende Kommunikation zwischen den Elternteilen festzustellen ist.

 

Auch kann es sein, dass sich das Kind mit dem Pendeln zwischen zwei Lebensmittelpunkten sehr schwertut. Gerade jüngere Kinder im Alter bis vier Jahren erleben wiederholte Trennungen und Wechsel der Betreuungspersonen als stressvoll. Auch kommt es vor, dass die Qualität der Beziehung des Kindes zu den Eltern sehr unterschiedlich ist und es deswegen bei einem Elternteil nicht einschlafen kann. Ist die Bindung vor der Trennung nicht gegeben, ist eine Verbesserung im Zuge des Wechselmodells unwahrscheinlich. Allgemein sollte sich in jedem Fall die Frage gestellt werden, wie wichtig Stabilität in der meist sehr schwierigen und Ressourcen verzehrenden Trennungsphase für das Kind ist.

 

Die Folge einer standardmäßigen Einführung wäre, dass Eltern erpressbar werden. Denn wenn ein Elternteil kein Interesse an einer Einigung hat, kann es jederzeit mit einer gerichtlichen Lösung und als Folge mit dem Wechselmodell drohen. Die Interessen des Kindes geraten dabei aus dem Blick. Daher fordern wir als LINKE, dass in Streitfällen nach wie vor im Einzelfall und zum Wohl des Kindes entschieden werden muss. Wir möchten Eltern und Kinder bei der Wahl des für sie richtigen Modells und bei der Trennung besser unterstützen und fordern deswegen eine Stärkung der Kinder- und Jugendhilfe und der Jugendämter, genauso wie eine Sensibilisierung der Familiengerichte und der Sicherstellung von ausreichend finanziellen Mittel für Eltern unabhängig von der familiären Situation.

 

An erster Stelle sollte immer das Kindeswohl stehen. Das ist nicht der Fall, wenn wir ein Modell als Regel festschreiben, welches dafür besonders anspruchsvoll für alle Beteiligten ist und im Gelingen stark von der Zusammenarbeit der Eltern abhängt.

 

Die Frage der Erziehung ist eben doch nicht so einfach, wie sie auf dem Papier manchmal erscheint, und sollte im Zweifel immer zugunsten des Kindes und nicht eines Modells entschieden werden. Vielleicht sollten wir auch einfach häufiger mal die Kinder fragen.

 

Norbert Müller, Mitglied des Deutschen Bundestages, Kinder- und Jugendpolitischer Sprecher der Linksfraktion